Nurse with mask

Gedanken zu Corona

Ein Kommentar von DSC Stuttgart Mitglied Tilman Schaal

Ziemlich verrückt, was zur Zeit alles passiert. Zumindest kommt es uns, die es gewohnt sind, dass das Leben immer so weitergeht wie bisher, so vor. Auch wenn es heißt, unsere Zeit sei schnelllebig, verglichen mit der Zeit vor ca. 100 Jahren passiert relativ wenig. Also zumindest für uns wohlbehütete Bewohner der sogenannten westlichen Welt.

In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts gab es Weltkriege, Weltreiche stürzten ein, andere kamen hervor und große Ideologien kämpften gegeneinander. Nach dem Mauerfall vor 30 Jahren und dem Sieg des Kapitalismus dachte man dann, das Ende der Geschichte sei angebrochen. Dass dem nicht so war, wurde dann doch recht schnell klar. Es gab weiterhin Kriege, konkurrierende Systeme und Elend. Auch an die ständigen Scharmützel im Nahen Osten gewöhnte man sich recht schnell, an soziale Ungerechtigkeit, ja sogar an Terrorismus. Was bleibt übrig? Da es nur eine Ideologie, die Wachstumsideologie, gibt, die überlebt hat, frönen wir eben dem Konsumismus. So blieb bis vor kurzem die Pixelzahl der Kamera unseres Smartphones oder die Dimension des Fernsehers die größte Veränderung in unserem Leben. Und die, die am meisten davon überzeugt waren, dass es immer so weitergeht, trifft die Corona-Pandemie nun, zumindest psychisch, am härtesten. Bei vielen Menschen hat man den Eindruck, sie seien weniger von der durch den Virus ausgelösten Krankheit geschockt, als von der plötzlichen Erkenntnis, dass unser komplettes System weniger stabil ist, als es bisher schien. Dabei birgt Instabilität auch Chancen. Es eröffnet der Gesellschaft Gestaltungsspielraum.
Zweifelsohne ist auch für mich, der im Jahr der Tschernobyl-Katastrophe geboren wurde, die „Corona-Krise“ ein extremes Ereignis. Sowohl die Tatsache, dass sich ein Virus über den ganzen Planeten in recht kurzer Zeit verbreitete ,als auch die extremen Reaktionen der Regierungen aller Länder weltweit sind neu. Dass es in Europa verboten sein könnte, sich in der Öffentlichkeit zu versammeln oder sogar sein Haus zu verlassen, war vor Kurzem genauso unvorstellbar wie die Schließung innereuropäischer Grenzen, die drastische Reduzierung des Flugverkehrs oder die ernsthafte Diskussion über staatliche Beteiligung an Unternehmen wie Lufthansa.
Zur Zeit sieht es nun so aus, als sei die Situation unter Kontrolle. Waren die Medien vor ein paar Wochen noch voller Horrorszenarien und Untergangs-Prophezeiungen, hat sich die Lage inzwischen ein wenig beruhigt und die meisten der düsteren Prognosen scheinen nicht einzutreten: Unser Gesundheitssystem wird voraussichtlich nicht zusammenbrechen, nicht jeder wird jemanden kennen der an Covid-19 gestorben ist und Toilettenpapier ist auch genug vorhanden. Welche der Maßnahmen der Bundesregierung dazu beigetragen haben und welche nicht, lässt sich schwer sagen. Vielleicht hätten sich einige der Horrorgeschichten ohne die Kontaktsperre tatsächlich bewahrheitet. Vielleicht aber auch nicht. Auf der anderen Seite ist schwer abzuschätzen wie groß die psychologischen Schäden durch die Eingriffe in die Grundrechte in der Gesellschaft sind und welche Schäden durch aufgeschobene Operationen, die Vermeidung von Arztbesuchen oder Falschbehandlungen auf Grund zu großem Fokus auf Corona entstanden sind.
Interessanterweise reagierten trotz mangelhafter Datenlage fast alle Regierungen der Welt auf die Bedrohung des Virus mit sehr extremen Maßnahmen. Bei anderen Themen jedoch, wie zum Beispiel dem Klimawandel, wird, trotz Unmengen an Daten – sowohl bezüglich der Gefährlichkeit als auch der möglichen Gegenmaßnahmen – , fast nichts unternommen. Wie kann das sein? Ein Grund ist sicherlich, dass die Folgen des Klimawandels bisher hauptsächlich Menschen treffen, die nicht zu den Gewinnern der Globalisierung gehören. Es kommt uns alles näher vor, wenn die schlimmen Bilder nicht aus Afrika oder Südostasien kommen, sondern aus Bergamo.
Der entscheidendere Grund ist jedoch, dass die „Corona-Krise“ so schnell über den Planeten hereingebrochen ist. Vor neuen Situationen hat der Mensch Angst und reagiert teilweise fast schon panisch. Das hat durchaus evolutionäre Vorteile, Entscheidungen werden schneller getroffen und konsequenter durchgezogen. Nach und nach gewöhnt man sich dann an die Situation und lernt mit ihr umzugehen. Der Mensch ist hervorragend darin, sich an neue Situationen zu gewöhnen, was oft hilfreich ist, aber auch eine große Gefahr birgt. Geschehen Dinge zu langsam, bekommen wir sie fast nicht mit. Das ist wie bei dem Frosch im Wasser. Wirft man einen Frosch in kochendes Wasser, springt er sofort heraus und überlebt. Wirft man ihn in kaltes Wasser und bringt dieses langsam zum Kochen, bemerkt er die kleinen Veränderungen nicht und stirbt. Genau das ist der Unterschied zwischen der „Corona-Krise“ und dem Klimawandel.
Fotos von Waldbränden in Kalifornien, Nachrichten über das Auftauen des Permafrosts und neue Hitzerekorde in Australien sind uns scheinbar lieber als Fotos von Menschen mit Mundschutz oder von leeren Plätzen in deutschen Großstädten. Die Nachrichten sind entweder zu abstrakt, oder zu weit weg.
Wie wird nun diese Zeit „nach Corona“ sein? Darüber wurde ja schon vielspekuliert. Die Meisten meinen, „nichts wird so sein wie zuvor“, und man könne nicht wieder „zurück zur Normalität“. Dabei könnte es ein große Chance sein, nicht zur Normalität zurückzukehren. Eine entscheidende Sache hat sich ja jetzt schon geändert: Durch die extremen Maßnahmen der Bundesregierung sollte jetzt jedem klar sein, dass sich Dinge tatsächlich ändern lassen, wenn man es unbedingt will. Die Ausrede, man könne da nichts machen, der freie Markt wolle das so und man müsse auf Arbeitsplätze aufpassen, zählt nicht mehr. Die Menschen haben nun gesehen, dass es Alternativen gibt.
Wenn der politische Wille da ist, lassen sich Probleme bekämpfen. So gesehen muss man eigentlich dankbar sein, dass die Maßnahmen der europäischen Regierungen so extrem waren. Extreme Maßnahmen auf extreme Bedrohungen werden von der Bevölkerung offenbar akzeptiert.
Wir sollten so früh wie möglich nachlegen um Druck auf die Regierung zu machen, sofort den Klimaschutz zu intensivieren. So kann die „Corona-Krise“ helfen, uns auf die potentiellen größeren Schrecken der Zukunft vorzubereiten. Ganz nach dem Motto: „was uns nicht umbringt macht uns stärker“. Wer weiß schon, was außer Klimawandel sonst noch alles kommt.
Carpe DiEM!

Bildrechte: Covid 19 by Terence Faircloth (CC-BY-NC-NC 2.0)

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