Beral Madra über die Türkei, die EU und DIEM25´s Streben nach Demokratie

Wir haben uns mit der türkischen Kunstkuratorin Beral Madra zusammengesetzt, um über die Türkei, die EU und das Streben von DiEM25 nach Demokratie zu sprechen. Das vollständige Interview können Sie unten lesen.

Wie würden Sie Menschen, die nicht mit ihr vertraut sind, die heutige Situation in der Türkei beschreiben? Was sind die wichtigsten Probleme, mit denen die Menschen zu kämpfen haben?

Um das heutige politische, soziale und kulturelle Klima der Türkei und der islamischen Länder zu verstehen, muss man das legendäre Buch des iranischen Denkers Daryush Shayegan „Le regard mutilé, Schizophrénie culturelle“ im Detail lesen. Dieses verstümmelte Bewusstsein, die kulturelle Schizophrenie, hat drei Komponenten: den unvollendeten Untergang des Osmanischen Reiches, die Moderne und die Gründung der Republik, und den politischen Islam in Verbindung mit dem Neokapitalismus. Diese Umwälzungen waren für die Massen schon immer beunruhigend. Vor allem für die Konservativen war es schwer, sich an diese Transitionen anzupassen.

Meine Generation hat das Hereinbrechen der Moderne und drei Militärputsche in den Jahren 1960, 1970 und 1980 gesehen, die nachfolgenden erlebten eine Spaltung zwischen säkularen und religiösen Ideologien. Wir hadern nach wie vor mit diesen Entwicklungen, um dies zu überwinden müssen wir zu einer soliden demokratischen Ordnung übergehen.

Erklären Sie uns dieses von Ihnen erwähnte „verstümmelte Bewusstsein“ bitte näher. Wie wirkt es sich auf die Beziehungen zwischen den Menschen in diesem Land aus?

Shayegans Buch handelt von den modernistischen, kolonialistischen und imperialistischen Interaktionen zwischen dem Westen und der islamischen Welt. Er erklärt, dass sich die islamische Welt nach wie vor im Konflikt mit dem wissenschaftlichen Zeitalter des 20. Jahrhunderts befindet. Wie Shayegan es ausdrückt: Unser Dilemma besteht darin, dass unser Bewusstsein noch immer auf der magischen Ebene der Symbole operiert, während unsere Ideen ihren Ursprung in den epistemischen Mutationen des neuen Zeitalters haben.

Viele islamische Länder haben modernistische Systeme übernommen. Und Ideen haben sich geändert, aber die Einstellung der Bevölkerung stimmt nicht mit der westlichen Aufklärung überein. Das gilt sogar für die Türkei, die sich früher als viele andere islamische Länder einem entschlossenen Modernisierungsprogramm zuwandte. Es sei auch darauf hingewiesen, dass die Interventionen der EU, Russlands und der USA der letzten Jahrzehnte die Spaltung zwischen laizistischen und religiösen Gemeinschaften noch verschärft haben. Zum Beispiel im Nahen Osten, im Iran, in Afghanistan, Syrien und so weiter.

Was muss geschehen, damit die Türkei zu einer soliden demokratischen Ordnung übergehen kann? Welche Schritte müssen nun unternommen werden?

Seit den 1950er Jahren wurden viele Schritte unternommen, um eine solide demokratische Ordnung zu erreichen. Während des Demokratisierungsprozesses 1950 bis 2000 lernten die Menschen die Demokratie kennen. Dies erlaubte ihnen, sie  jedes Mal zu bewahren, wenn sie durch antidemokratische Bewegungen gestört wurde.

Im Moment sollten sich die Oppositionsparteien zusammenschließen und so bald wie möglich für transparente Wahlen sorgen. Und die Menschen sollten sich auf zwei Ziele konzentrieren. Erstens, die Vorteile einer Demokratie des 21. Jahrhunderts zu verstehen und zu verinnerlichen. Und, zweitens, Oppositionsparteien bei den Wahlen zu unterstützen.

Können Sie auf positive Entwicklungen in den letzten Jahren verweisen?

Ich will versuchen, optimistisch zu sein, und sagen, dass es positive Entwicklungen gibt. Da ist zum Beispiel die Bereitschaft der Oppositionsparteien, Bündnisse einzugehen, und auch ihr Wunsch, eine Regierung mit demokratischen Zielen zu bilden. Ganz zu schweigen davon, dass sich mindestens 50 % der Bevölkerung die Einführung der Demokratie wünscht.

Eine weitere positive Entwicklung ist der kontinuierliche Erkenntnisgewinn aus den zerstörerischen wirtschaftlichen und sozialen Realitäten, trotz Zensur. Die Wahrheit setzt ihren Kampf gegen die „Post-Wahrheit“ fort. Dank der kontinuierlichen Erklärungsarbeit von NGOs und sozialen Medien wird zum Beispiel ein Bewusstsein für Femizid und Kindesmissbrauch geschaffen.

Laut dem Bericht 2019 der Plattform „We Will Stop Femicide“ wurden 115 der 474 Femizide im Jahr 2019 als Verdachtsfälle registriert. Die Schuldigen konnten nicht gefunden werden. Laut dem Bericht für 2020 wurden in der Türkei 300 Frauen von Männern getötet, und 171 Frauen wurden unter verdächtigen Umständen tot aufgefunden. Der Frauenmord in der Türkei beruht auf dem guten alten Patriarchat mit seiner Absurdität der Familienehre. Er beruht auf einer inakzeptablen Fehlinterpretation des Korans. Und auf dem Beharren auf einer männlich dominierten Staats- und Regierungstradition. Gleichberechtigung wird nicht verinnerlicht; Männer sind überlegene Wesen!

In der Türkei sind Zweigstellen vieler internationalen Vereinigungen tätig. Sie haben die größte Widerstandskraft gegen diese fatale Fehlentwicklung. In meinem Berufsfeld engagieren sich zeitgenössische Künstler:innen und Kunstexpert:innen sowie Kulturvereine in mutigen ungeschönten Produktionen. Vor allem weibliche Künstlerinnen stehen bei diesem Streben nach Demokratie an vorderster Front.

Welchen Einfluss hat die herrschende Macht in den letzten 20 Jahren auf das Land gehabt?

Seit der Gründung der Republik im Jahr 1923 hat es immer einen Konflikt zwischen dem religiös begründeten Konservatismus und dem Säkularismus gegeben. Dieser Konflikt endete jedoch immer mit dem Sieg des Letzteren. Bei jedem Putsch wurde die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete Demokratie geschwächt und verlor an Boden. Später dann, mit dem Putsch von 1980, entstand eine stärkere religiöse Ader.

Eine neue Hoffnung auf echte Demokratie wuchs in den 1990er Jahren mit dem Beitrittsprozess der Türkei zur Europäischen Union. Dies war eine Art postmoderne Utopie, die vom Neokapitalismus stark befeuert wurde. Ich denke, das Problem bei diesem raschen Übergang von vier Jahrzehnten militärischer Vormundschaft und Staatskapitalismus bestand darin, sich nicht den politischen Sünden und Irrtümern der Vergangenheit zu stellen und die politischen Morde und das Blutvergießen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht aufzuarbeiten. Die Nichtkonfrontation mit den Gräueltaten der Vergangenheit hatte eine sehr schädliche Wirkung.

Die heutigen Machthaber nutzten diesen Wunsch, so schnell wie möglich „Demokratie“ zu erreichen. Im Jahr 2002 begannen sie mit zahlreichen Reformen im Hinblick auf die Bedingungen des EU-Beitritts, die Rechtsstaatlichkeit und die Achtung der Menschenrechte. Das ist, was ich mit der postmodernen Utopie meine.

Ab 2008 kamen allmählich die wahren Ziele der Regierung zum Vorschein. Islamische Sekten und Gemeinden wurden im gesellschaftlichen Leben sichtlich aktiver und spielten schließlich eine größere Rolle in Regierungs- und Bürokratieangelegenheiten. Religiöse Sekten haben im Bildungssystem das Sagen. Trotzdem ist skandalöser Kindesmissbrauch in solchen Einrichtungen an der Tagesordnung.

Diese kontroverse Entwicklung hin zu einer islamischen Republik erreichte am 15. Juli 2016 einen Wendepunkt. Dieses Datum markiert den Militärputsch, der den Boden für das derzeitige Regime bereitete. In den folgenden zwei Jahren des Ausnahmezustands füllten sich die Gefängnisse mit über 100.000 sogenannten Fetö-Anhängern. Im Juni 2018 wurde die Verfassung mit dem Versprechen einer neuen Demokratie geändert. Doch stattdessen wurde die parlamentarische Demokratie durch ein Präsidialsystem mit weitreichender präsidialer Machtfülle ersetzt. Heute ist diese Erweiterung in einen geradezu unerträglichen Prozess eingetreten. So fühlt es sich also an, als hätten die Menschen sich einer Täuschung hingegeben!

Es gibt eine große Kluft zwischen der religiösen und der säkularen Bevölkerung. Zwischen rücksichtsloser Kleingeistigkeit und den aufgeklärten Massen. Zwischen ethnischen Mehrheiten und Minderheiten. Darüber hinaus hat die rassistische Diskriminierung von Kurden, Alewiten, Juden und Armeniern zugenommen. Verschärft wird dies durch die wirtschaftliche Depression, die seit 2018 herrscht.

Welche Hoffnung hegen Sie für die Zukunft der Türkei und ihrer Bevölkerung?

Die Zukunft hängt von mehreren Entwicklungen ab. Erstens von einem ehrlichen und ungestörten Wahlprozess, der von den Oppositionsparteien befürwortet wird. Dies ist notwendig, um die Türkei vor dem schlimmstmöglichen Schicksal zu bewahren. Ich meine damit, dass sie nicht einfach nur nach mehr Stimmen streben, sondern sich gemeinsam um die Verwirklichung der Demokratie bemühen sollten.

Zweitens die Hoffnung, dass die Gesellschaft ihre Lektion aus dem gelernt hat, was ihr in Bezug auf die Wirtschaft und den Verlust der grundlegenden Menschenrechte widerfahren ist. Selbst wenn die erhofften Ergebnisse erzielt werden, werden der Neuaufbau und die Heilung der staatlichen Ministerien und Behörden ein langer Prozess sein.

Ich hoffe auf einen radikalen Wandel in der Politik der EU gegenüber der Türkei. Die EU sollte ihre unverantwortliche Haltung gegenüber den internen Entwicklungen in der Türkei aufgeben und den Aufbau der Demokratie unterstützen. Sobald die EU die Lage in der Türkei richtig einzuschätzen lernt, wird sie erkennen, dass es in ihrem eigenen Interesse ist, dass in dem Land Demokratie herrscht. Das könnte eine fast heitere Zukunft sein.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass die EU ihre Haltung gegenüber der Türkei ändern wird?

Es liegt im Interesse der EU, dass die Türkei sich demokratisiert. Europa ist umgeben von Ländern in angespannten und bedrohlichen Situationen. Schauen Sie nur, was passiert. Menschen aus kriegszerrütteten Ländern kommen in großer Zahl nach Europa. Das geht nun schon seit über zehn Jahren so. Europa kann sie nicht aufhalten, selbst wenn die EU der Türkei Millionen Euro zahlt, um die Menschen von den Grenzen fernzuhalten. Das Schlimmste daran ist, dass die Menschenhändler Millionen mit diesem „Geschäft“ verdienen. Es handelt sich also wieder einmal um das große Geschäft des Zombie-Kapitalismus. Innerhalb dieser dystopischen Entwicklung ist die Türkei das Schlüsselgebiet. Eine solide Demokratie ist also eine Versicherung!

Ein weiterer kritischer Punkt ist die Länge und die ökologische Bedeutung der türkischen Ägäis- und Mittelmeerküsten. Dies ist ein entscheidender Grund für die EU, eine konstruktive Kommunikation und Zusammenarbeit mit der Türkei zu pflegen.

Die Türkei hat große Umweltprobleme. Zwei Kernkraftwerke sind im Bau. Der so genannte Kanal vom Schwarzen Meer zum Marmarameer. Wasserkraftwerke, die Flüsse und Seen austrocknen, was auch für Europa problematisch ist. Ich hoffe also, dass die EU all diese Themen auf ihre Tagesordnung setzt und endlich einen politischen Ansatz zur Unterstützung demokratischer und umweltbewusster Ziele verfolgt.

Was muss geschehen, um einen ehrlichen Wahlprozess zu gewährleisten?

Im Jahr 2021 erlitt die türkische Wirtschaft einen vollständigen Zusammenbruch, der bis heute anhält. Experten sagen, dass die wahre Inflation bei 90 % liegt! Nach Berechnungen der Consumer Rights Association leben in der Türkei 16 Millionen Menschen in Hunger und 50 Millionen in Armut. Die Zahl der hungernden und armen Menschen beläuft sich auf 66 Millionen. Ich denke, dass die Menschen im Vorfeld der Wahlen diese Tatsache erkennen und ihre Rechte einfordern werden. Seit einigen Monaten leisten die Arbeitnehmer:innen mit verschiedenen Protesten Widerstand. Das ist ein positives Zeichen.

Wie können Bewegungen wie DiEM25 in der Türkei erfolgreich sein?

Ich bin Mitglied von DiEM25 in der Hoffnung, dass DiEM25 die Stimme der Türkei in der EU-Politik sein wird. Demokratiefreund:innen in der Türkei sind darin geübt, NGOs oder Reformbewegungen zu gründen. Die große Mehrheit arbeitet in politischen Parteien und NGOs, die die Grundrechte verteidigen. DiEM25 erklärt die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und ökologischen Verwerfungen der heutigen Weltordnung. Es lädt die Menschen ein, diese Probleme zu überwinden und sich für ein angenehmeres, gesünderes, kreativeres und nachhaltigeres Leben einzusetzen. Das ist es, was wir heute brauchen.

Was muss DiEM25 Ihrer Meinung nach tun, um Gesellschaft und Politik in der Türkei zu beeinflussen?

Im Jahr 2019 war DiEM25 in der Türkei recht aktiv. Die Bewegung hatte viele Anhänger:innen und Mitglieder in Istanbul, Ankara und Izmir. Allerdings hatte die Pandemie unvermeidliche negative Auswirkungen, auch wenn die Online-Kommunikation so weit wie möglich fortgesetzt wurde. Die Türkei hat 84 Millionen Einwohner:innen, davon 50,13 % Männer, 49,87 % Frauen und schätzungsweise 5 Millionen Flüchtlinge oder Emigrant:innen! Die Bevölkerung ist nicht homogen; die religiösen, ethnischen und ideologischen Gräben sind immens.

Wie Sie sich vorstellen können, wird es nicht einfach sein, in diesem heterogenen Gefüge politische Sichtbarkeit zu erlangen. Um die Menschen zu informieren, Mitglieder zu gewinnen und effektiv zu sein, brauchen wir gut durchdachte Strategien. Im Moment besteht die wichtigste Strategie darin, ideologisch nahestehende Gruppen zu überzeugen.

Gibt es progressive Bewegungen und/oder politische Parteien in der Türkei, mit denen DiEM25 in Kontakt treten sollte?

Die Wahlen werden schon bald stattfinden, wahrscheinlich im Herbst 2022. Das bedeutet, dass DiEM25 eine ernste Aufgabe vor sich hat. Idealerweise sollte die Bewegung mit Oppositionsparteien kommunizieren und zusammenarbeiten, sofern diese demokratische Ziele verfolgen. Und das Manifest von DiEM25 sollte ihnen auch vorgelegt werden.

Gemessen an diesem machiavellistischen Vorschlag ist die Realität jedoch enttäuschend. Schauen Sie bei Wikipedia nach. Wenn Sie sich die Tabelle ansehen, werden Sie feststellen, dass die meisten Parteien rechts, Mitte-Rechts oder Mitte-Links sind. Nur die Arbeiterpartei scheint radikal genug zu sein. Aber ich habe keine Ahnung, ob diese Partei DiEM25 überhaupt kennt. Im Einklang mit den soziopolitisch-psychologischen Gegebenheiten des Landes ist die Landkarte der politischen Parteien voll von modernistischen Ideologien des 20. Jahrhunderts. Die Frage ist: Ist es einfach, diese Parteien ins 21. Jahrhundert zu führen und die kommenden Gefahren zu erklären, die im Manifest von DiEM25 dargelegt werden?

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Beral Madra ist Kunstkritikerin, Kuratorin, Ehrenvorsitzende der AICA Türkei und Mitglied des Koordinationskollektivs von DiEM25

Foto von Anna Berdnik auf Unsplash

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