Die brutale Spitze des antisemitischen Eisbergs

DSC Leipzig – Everything Must Change Union
18.10.2019, Artikel
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Am Mittwoch, dem 9. Oktober 2019, griff ein 27-jähriger Neo-Nazi die Synagoge in Halle an. Er versuchte, sich gewaltsam Zutritt zum jüdischen Gebetshaus zu verschaffen mit der Absicht, dort so viele Juden und Jüdinnen wie möglich zu töten. Er scheiterte dabei nur an den erhöhten Sicherheitsmaßnahmen, die die jüdische Gemeinde selbst zu ihrem Schutz installiert hatte. Eine Polizeipräsenz – wie normalerweise üblich vor jüdischen Institutionen aufgrund der permanenten Drohung antisemitischer Über- und Angriffe – gab es nicht. Die Polizei hielt das nicht für notwendig [1]. Nachdem es dem Rechtsterroristen nicht gelungen war, die Tür zur Synagoge aufzuschießen, wo über 50 Gemeindemitglieder Jom Kippur feierten, tötete der Angreifer wahllos zwei Menschen: Jana L. auf offener Straße und Kevin S. in einem Döner Imbiss. Zwei weitere verletzte er schwer [2].

Traueranzeige des Zentralrats der Juden für die beiden Personen, die am jüdischen Feiertag Jom Kippur in der Nähe der Synagoge in Halle erschossen wurden

In seinem „Manifest“ verbreitet der Täter die antisemitische Verschwörungstheorie, wonach Juden die Verantwortung trügen für Massenimmigration, weil sie den Feminismus förderten, was wiederum die Geburtsrate in den westlichen Ländern senke. Sein Anschlag war also offensichtlich durch eine völkisch-nationalistischen Ideologie motiviert, getrieben von einem antifeministischen, frauenfeindlichen und rassistischen Weltbild. Er nahm Juden und Jüdinnen als seine größten Feinde wahr, hielt aber auch Migrant*innen und linke Aktivist*innen für legitime Ziele seiner mörderischen Phantasien und Taten. Er hatte ebenfalls erwogen, ein linkes Kulturzentrum und eine Moschee anzugreifen. 

Selbst Richter trivialisieren Aggressionen gegen Juden

Nach ersten Erkenntnissen der deutschen Sicherheitsbehörden war der Neonazi vor dem Anschlag nicht in organisierten Gruppen engagiert. Die nationalen Behörden sahen ihn dementsprechend nicht als Bedrohung. Dies zeigt nicht nur die Ignoranz des Sicherheitsapparates gegenüber antisemitischen Ideologien, Bedrohungen und Gewalt, sondern auch, dass bis heute die antisemitische Ideologie fest in der deutschen Gesellschaft verwurzelt ist [3] – eine Gesellschaft, in der Übergriffe auf und Belästigungen gegenüber Juden und Jüdinnen zum Alltag gehören, eine Gesellschaft, in der Richter einen Brandanschlag auf die Synagoge in Wuppertal durch drei Täter 2014 als harmlose Kritik an israelischer Politik werten, eine Gesellschaft, in der antisemitische Gedanken, Gefühle und Taten bagatellisiert und als legitimer Ausdruck politischer Meinungsäußerung gelten [4].

Nicht nur dieser brutale Angriff in Halle beweist: Antisemitische Schikanen, Gewalt und Terror sind omnipräsent in deutschen und europäischen Gesellschaften [5]. Jedoch erschöpft sich Antisemitismus nicht in der offenen physischen Gewalt gegen Juden und Jüdinnen. Antisemitismus beginnt mit Verschwörungstheorien über finstere Mächte, die die Weltpolitik und die Medien hinter den Kulissen kontrollierten. Er beginnt, wenn deutsche Juden und Jüdinnen individuell oder kollektiv für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden, wenn ihnen vorgeworfen wird, illoyal gegenüber dem Nationalstaat zu sein, in dem sie leben. Antisemitismus beginnt, wenn traditionelle oder moderne antisemitische Motive und Bilder bedient werden, um den israelischen Staat zu delegitimieren und zu dämonisieren, der seit seiner Gründung als Refugium für Juden und Jüdinnen gegenüber mörderischem Antisemitismus dient.

Antisemitismus ist ein alltägliches Phänomen, das gleichermaßen erkannt, angeprangert und zurückgedrängt werden muß. Er muß jeden Tag bekämpft werden: in Kneipen oder Bars, an der Kasse im Supermarkt, in der Schule, im Jobcenter und am Arbeitsplatz. Denn es ist die scheinbare Banalität des alltäglichen Antisemitismus, die die Grundlage dafür bereitet, dass 27 Jahre alte, antisemitische, antifeministische und rassistische Männer in ihrem Wahn bestärkt und zu ihren Taten ermutigt werden.

Gegen Antisemitismus zu kämpfen, verlangt entschiedene Solidarität mit jüdischen Gemeinden und dort Unterstützung zu zeigen, wo es Ängste vor antisemitischen Übergriffen gibt. Wir müssen den Kampf gegen Antisemitismus  ernst nehmen, für Juden und Jüdinnen, für diejenigen, die von Antisemitinnen und Antisemiten als Juden wahrgenommen werden, aber auch für die universellen Werte von Freiheit und Gleichheit.

Wir müssen unsere entschiedene Solidarität mit den jüdischen Gemeinden beweisen und das nicht nur dann, wenn sich die Spitze des antisemitischen Eisberges in Form brutaler Gewalt und Terror durch Neonazis ausdrückt. Das ist heute eine der drängendsten und fundamentalen Aufgaben der europäischen Zivilgesellschaft und damit der europäischen Linken.

AG Alles muss anders werden
DSC Leipzig



2018 gründete das DSC Leipzig die AG Alles muss anders werden, eine Arbeitsgruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Kampf gegen den fortschreitenden Antisemitismus zu verstärken und eine bessere Zukunft zu gestalten. Wir organisieren Workshops und Debatten über historische und zeitgenössische Formen des Antisemitismus und arbeiten an einer umfassenden Politik für progressive Bewegungen und politische Parteien, um diese Ideologie intern und extern zu hinterfragen. Unser nächster Workshop findet vom 8. bis 11. November 2019 in Göttingen statt.

Bild des Artikels:
Nach dem Anschlag in Halle/Saale – Kundgebung von 16.000 Demonstranten gegen Antisemitismus in Berlin.
Screenshot eines „Tagesschau“ Videos

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