Eine Seite wählen: Wie man in polarisierten Zeiten Stellung bezieht

Verdammt, wenn du es tust, verdammt, wenn du es lässt. Mehran Khalili erörtert die fast unmögliche Aufgabe, es allen recht zu machen, wenn es um große globale Themen geht.

Kurz nachdem Russland in die Ukraine einmarschiert war, veröffentlichte DiEM25 seine Position zu diesem Konflikt. Die Zwischenüberschrift lautete: „Stoppt Putins Invasion. Stoppt die Eskalation durch die NATO. Frieden durch eine völkerverbindende Diplomatie!”

Oberflächlich betrachtet war dies ein wenig kontroverser Standpunkt: Beendet den verdammten Krieg, arbeitet für den Frieden. Ich bin ein Berater für DiEM25, und es leuchtete mir ein.

Die Reaktion auf diese Erklärung war jedoch überraschend. Viele Menschen waren der Meinung, dass es sich nicht um eine vollständige Verurteilung der Handlungen von Wladimir Putin handelte. Und sie waren verärgert. Einige Mitglieder und Partner:innen verließen sogar angewidert die Bewegung.

Ein paar Tage später veranstaltete ich mit DiEM25 eine Debatte über die Ukraine. Wir hörten Ukraine-Expert:innen, Aktivist:innen aus Moskau und Kiew und eine Reihe von Kommentator:innen.

Die Debatte war wertvoll, und ich habe viel gelernt. Aber obwohl sie im Allgemeinen gut aufgenommen wurde, ging ein Teil der Reaktionen in die andere Richtung. Warum geben wir nicht dem Westen die Schuld, fragten die Kommentator:innen, und richten unseren Zorn auf die Expansionspolitik der NATO, die uns in diesen Krieg geführt hat?

OK, wir können nicht jede:n überzeugen – oder es jede:m recht machen. Und vielleicht hätte ich in diesen Fällen gar nicht auf die Kommentare eingehen sollen. Aber die Reaktionen zeigen auch noch etwas anderes, das es wert ist, näher betrachtet zu werden.

In wessen Team bist Du?

Der Mensch hat ein angeborenes Bedürfnis, sich in jeder Auseinandersetzung für eine Seite zu entscheiden. Und das gilt besonders in Kriegszeiten.

Wenn ein Konflikt ausbricht, sollten unsere ersten Gedanken natürlich bei den Opfern sein. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts (Anm. des Übersetzers: 10.03.2022) wurden in der Ukraine hunderte von Zivilist:innen getötet, darunter 19 Kinder.

Aber für den Rest von uns, die wir – vorerst – das Glück haben, nur Zuschauer:innen zu sein, ist unsere Welt in Ungewissheit gestürzt worden. Im Gegensatz zu früheren Kriegen erleben wir heute die Auswirkungen organisierten Tötens in Aktion, vermittelt in Echtzeit und ungefiltert über Smartphones und soziale Medien. Wir versuchen, zu verstehen. Und ein wichtiger Teil dessen besteht darin, zu entscheiden, wer falsch und wer richtig liegt.

Unsere Voreingenommenheit läuft aus dem Ruder

Doch schnell kommen unsere Vorurteile ins Spiel. Ich werde mich selbst als Beispiel nehmen.

Wie viele andere verfolgte ich die Lage in der Ukraine nicht besonders aufmerksam, bis letzte Woche mit der Invasion alles eskalierte. Freunde und Familienangehörige fragten mich, was los sei und wessen Schuld das alles sei. Und ich geriet in Erklärungsnöte.

Krieg ist eine Katastrophe. Putin war hier der Aggressor, der die Menschen in der Ukraine brutal misshandelt und ermordet hat. Er muss vorbehaltlos verurteilt werden. Gleichzeitig war der langsame Vorstoß des Westens zur Einkreisung Russlands durch die NATO eine Provokation. Es war ein kompliziertes, tragisches Chaos.

Also habe ich die Nachrichtenquellen durchforstet und so viel gelesen, wie ich konnte. Und dabei fiel mir etwas Interessantes auf: Ich suchte nach Berichten, die dem US-Imperialismus die Schuld gaben.

Und warum? Unsere persönliche Erfahrung spielt hier eine größere Rolle, als wir glauben wollen. Das erste globale Ereignis, das mich wirklich politisiert hat, war der Irak-Krieg im Jahr 2003. Seitdem verfolge ich die US-amerikanische Innen- und Außenpolitik genau – und was ich dabei lernte, gefiel mir ganz und gar nicht. Da ich zur Hälfte Iraner bin, bin ich mit den Auswirkungen von US-Interventionen durchaus vertraut und weiß, wie sie ein Land in den Ruin treiben können.

Da ich nur die grundlegenden Fakten über die Ukraine kannte, wollte ich mich instinktiv dem Lager der Gegner:innen der US-Außenpolitik anschließen. Mein eigener Confirmation Bias in Aktion.

Viele westliche Beobachter:innen, die nach den ersten Bombenabwürfen ebenfalls händeringend nach Antworten auf den Konflikt suchten, müssen das Problem aus der anderen Richtung angegangen sein. Die englischsprachigen Medien, die von den USA betrieben werden, haben Russland seit jeher als Antagonisten dargestellt.

Doch als Trump auf den Plan trat und die Behauptung aufstellte, Russland habe die US-Wahlen gehackt, kochte diese Art der Berichterstattung förmlich über. Es entstand das Narrativ Russland = böse und Putin = Starker-Mann-Diktator (während die USA/Biden die entgegengesetzten Rollen einnahmen).

Und wenn dieser starke Mann einmarschiert, werden die von diesem Narrativ durchdrungenen Menschen dank des Confirmation Bias alles daran setzen, es zu bestätigen.

Es kommt darauf an, wann wir die Uhr starten

Dieses Video von Russell Brand bietet einen nützlichen Ansatz, die Debatte über die Ukraine anzugehen.

Brand wägt zwei Artikel gegeneinander ab. Der eine vertritt die Ansicht, dass Putin Hitler ist, der andere verurteilt ihn für die Invasion, beleuchtet aber auch die Rolle des Westens in diesem Konflikt in den letzten Jahrzehnten. (Diese Ansichten entsprechen in etwa den beiden Polen des akzeptierten westlichen Diskurses.)

Brand zitiert Phyllis Bennis, die über die Ukraine schreibt:

Die Lösung des Konflikts […] erfordert das Verständnis seiner Ursachen – was ganz davon abhängt, ab wann wir die Uhr laufen lassen.

Wenn wir im Februar 2022 beginnen, ist das Hauptproblem der Angriff Russlands auf die Ukraine. Wenn wir die Uhr jedoch 1997 beginnen, ist das Hauptproblem, dass Washington die NATO […] zur Osterweiterung drängt und damit jene Zusage bricht, welche die USA nach dem Kalten Krieg gegenüber Russland gemacht haben.

Was für ein fantastisches Mittel, um herauszufinden, wem man die Schuld zuweisen und wen man unterstützen kann. Wann beginnt die Uhr zu laufen? Und da Gewalt Gegengewalt, und Illiberalismus immer neuen Illiberalismus erzeugt… wer hat zuerst zugeschlagen?

Wir könnten dieses Schema auf jeden geopolitischen Konflikt der Vergangenheit oder Gegenwart anwenden. Denkt an Israel/Palästina, Nordirland, Zypern oder Taiwan.

Oder nehmt unsere aktuellen Kulturkriege. Sollten wir mit der Uhr beginnen, als die historischen Ungerechtigkeiten gegen eine bestimmte Randgruppe begannen? Oder zu dem Zeitpunkt, als sich die Mitglieder dieser Gruppe erhoben und es mit der Korrektur dieser Ungerechtigkeiten zu weit trieben, indem sie z. B. die Zensur von Ansichten forderten, die ihnen missfielen?

Nuancen überzeugen nicht

Aber die Welt ist komplex. Und obwohl es ein menschliches Bedürfnis ist, sich für eine Seite zu entscheiden, scheint es doch eine recht faule und unbefriedigende Art zu sein, moderne Konflikte zu betrachten. Warum können wir nicht zwei Gedankengänge gleichzeitig im Kopf haben und sagen, dass die Schuld für den heutigen Krieg in der Ukraine sowohl bei Putin als auch bei dem von der US-Außenpolitik geschaffenen Fundament liegt?

Losgelöst vom konkreten Geschehen ergibt das durchaus Sinn. Und es ist genau das, was DiEM25 mit seiner Position zur Ukraine erreichen wollte, auch wenn diese differenzierte Sichtweise beim Mainstream-Publikum heute nicht allzu gut ankommt.

Sechzig Prozent der Weltbevölkerung sind in den sozialen Medien aktiv und verbringen durchschnittlich zweieinhalb Stunden pro Tag mit ihnen. Wir leben in einer ADHS-Welt, in der es nur noch darum geht, schnellstmöglich zu reagieren, und in der Nachrichten in Form von Schlagzeilen, Thumbnails und Snippets von einer kollabierenden und verzweifelt nach Klicks heischenden Industrie geliefert werden. Nuance? Dafür hat niemand Zeit.

In einem solchen Umfeld erhalten einfache, mutige und authentisch vorgetragene Aussagen die meiste Aufmerksamkeit und Resonanz. Vor allem dann, wenn ein Krieg ausbricht und die Menschen wütend, verwirrt und verunsichert sind.

Hört auf zu versuchen, irgendetwas zu erklären, sagen sie. Hier sterben Menschen. Alles, was angebracht ist, das ist Solidarität mit den Opfern und Hass auf diejenigen, die die Bomben abgeworfen haben.

Und in diesem Moment ist das auch verständlich.

George W. Bush hat nach dem 11. September eine klare Linie gezogen.

Ein Rahmen, um das alles zu bewältigen

Wie können wir uns in einer solchen Landschaft zurechtfinden, wenn es unser Ziel ist, argumentativ zu überzeugen? Wie können wir der Macht entgegentreten und die ganze Geschichte erzählen, ohne uns ihre schmutzigen Methoden anzueignen  und ihre Botschaft noch zu verstärken?

Es gibt keine einfache Antwort. Aber hier ist mein bisheriger Stand: ein Ansatz, den auch ihr bei Konflikten nutzen könnt, um klarer zu denken und effektiv zu kommunizieren.

(Denkt daran, dass wir uns auf das konzentrieren müssen, was wir beeinflussen können. Im Folgenden wird also davon ausgegangen, dass euer politischer Aktivismus eine Auseinandersetzung mit diesem Konflikt beinhaltet).

Verwendet probabilistisches Denken

Handelt nicht in absoluten Zahlen. Lest euch ein, findet heraus, wo genau ihr steht, und ordnet euren Überzeugungen Wahrscheinlichkeiten zu. Ihr könntet zum Beispiel annehmen, Putin sei zu 75 Prozent an diesem Krieg schuld und der Westen zu 25 Prozent. Oder andersherum. Und wie oben erwähnt, achtet darauf, zu welchem historischen Zeitpunkt ihr die Uhr in Gang setzt.

Das mag seltsam klingen. Es ist aber ein deutlich natürlicheres und explizites Spiegelbild dessen, wie das menschliche Denken tatsächlich verläuft. Und es wird euch dabei helfen, die Entwicklung und Veränderung eurer Überzeugungen zu verfolgen.

Denn auch ihr solltet euch entwickeln und verändern…

Überdenkt eure A-priori-Überzeugungen

Passt diese Wahrscheinlichkeiten auf Grundlage der beobachteten Beweislage an. NYT erklärt:

In der Fachsprache der Statistik sind „A-priori-Verteilungen“ euer Vorwissen und eure Überzeugungen, die zwangsläufig unscharf und unsicher sind, bevor ihr Beweise seht. Beweise führen zu einer Auffrischung, und weitere Beweise führen zu einer weiteren Auffrischung, und so weiter und so fort. Dieser iterative Prozess führt zu größerer Gewissheit und zu einer kohärenten Ansammlung von Wissen.

Systeme sehen, nicht Menschen

Als ich darüber schrieb, was wir vom Public Shaming im Internet lernen können, kam ich zu dem Schluss, dass es immer eine effektive Strategie ist, sein Ziel zu personifizieren.

Es ist für Menschen einfacher, sich über eine andere Person zu ärgern als über eine Organisation, ein System oder eine Idee.

All die mit Spucke gespickten Editoriale darüber, dass Putin ein dämonischer Größenwahnsinniger ist, der Russland unbedingt wieder zu altem Ruhm verhelfen will, folgen diesem Modell.

Aber hier versucht ihr, einen Konflikt zu bewerten, ihn zu dekonstruieren und zu verstehen, wie ihr selbst Einfluss auf ihn nehmen könnt, anstatt andere von eurer Meinung zu überzeugen.

Macht es also umgekehrt. Schaut weniger auf den persönlichen Charakter des Aggressors und seine öffentlichen Äußerungen, sondern analysiert das System, die Maschinerie, die ihn an der Macht hält. In Putins Fall bedeutet das: die oligarchische Klasse, der er dient, die Wirtschaft und Kultur des heutigen Russlands und die Art und Weise, wie politische Entscheidungen getroffen werden. Ebenso wie Putins Aufstieg zur Macht (der weitgehend vom Westen unterstützt wurde).

Wählt eure Schlachten

Berücksichtigt bei euren Aussagen das Publikum und das Ziel der Diskussion. Wenn ihr überzeugen wollt, solltet ihr alles tun, um keine emotionale Reaktion bei euren Zuhörer:innen auszulösen, die sie dazu veranlasst, sich euch von vornherein zu widersetzen.

Timing ist alles. Unmittelbar nach dem Ausbruch eines Krieges oder eines rassistischen Angriffs oder in jedem anderen Moment, in dem der Schmerz noch frisch ist, gibt es nur eines zu tun. Den Aggressor verurteilen und die Opfer unterstützen.

Es wird eine Zeit und einen Ort für eure nuancierte, systembasierte und konstruktive Haltung geben. Aber wählt sie mit Bedacht, wenn ihr wollt, dass man euch zuhört.

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